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Ein tapferes Erbe: Google Doodle ehrt den jüdischen Homosexuellen Fredy Hirsch
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Ein tapferes Erbe: Google Doodle ehrt den jüdischen Homosexuellen Fredy Hirsch

Illustration of Fredy Hirsch doing sports exercises as he has been a sports teacher.
Für mich war es ein Arbeitstag wie jeder andere auch als ich 2017 zum ersten Mal von Fredy Hirsch hörte. Ich lief gerade von der Bushaltestelle zu meiner Wohnung im Süden Tel Avivs. Auf der Heimfahrt hatte ich mir die Erzählung von Dina Gottliebová Babbitt – einer Künstlerin und Holocaust-Überlebenden – auf dem YouTube-Kanal der USC Shoah Foundation angehört.

Ich war fasziniert von der Geschichte ihrer heldenhaften und gleichzeitig traumatischen Erlebnisse als junge Frau in Theresienstadt und in Auschwitz-Birkenau. Plötzlich sprach sie über einen Mithäftling in Theresienstadt: Alfred „Fredy“ Hirsch. „Er sah aus wie jemand aus einer Zahnpastawerbung. Er hatte dieses glänzende, nach hinten gekämmte Haar, ein sehr hübsches Gesicht und ein unverwechselbares Grinsen mit sehr weißen Zähnen. Er war der Inbegriff eines großen, gutaussehenden Mannes mit dunklem Teint.“

Dann erwähnte Dina beiläufig, dass Fredy homosexuell war. „Es war eine offene Sache, wir alle wussten, dass er schwul war... Wir haben uns damals nichts daraus gemacht. Er war einfach einer von uns.“ Diese Aussage traf mich in einem Moment, in dem ich mich selbst sehr mit meiner eigenen queeren und jüdischen Identität auseinandersetzte. 

Was Dina Gottliebová Babbitt sagte, klang so beiläufig, dass es kaum zu glauben war, dass ihre Worte im Jahr 1998 – also fast zwei Jahrzehnte zuvor – aufgenommen worden waren. Das bewegte mich zutiefst. Zum ersten Mal in meinem Leben hörte ich eine Holocaust-Überlebende über einen Mitgefangenen sprechen, der der LGBTQI+-Community angehörte.

Bevor ich mir selbst bewusst werden konnte, was dies in mir auslösen würde, fügte sie hinzu: „Sehr oft wird von Homosexuellen schlecht gesprochen. Ich denke, es ist wichtig, dass wir sagen, wie großartig jemand ist, wenn er homosexuell ist. Und er war großartig. Das sollte jeder wissen.“ Also machte ich mich daran, genau das zu tun: Ich suchte nach weiteren Informationen über Fredy Hirsch. Leider gab es 2017 noch nicht viel über ihn in Erfahrung zu bringen.

Schließlich erfuhr ich, dass er ein homosexueller deutsch-jüdischer Flüchtling in der damaligen Tschechoslowakei war und als Gymnastiklehrer arbeitete. Als Juden ausgegrenzt, eingesperrt und schließlich systematisch ermordet wurden, übernahm er für viele Kinder eine immer wichtigere Rolle als Gemeindeleiter und Jugendberater – zuerst in der zionistischen Jugendbewegung Maccabi Hatzair und später in Theresienstadt. Als er nach Auschwitz deportiert wurde, setzte er sich für einen Kinderblock ein, den er schließlich auch verwaltete. Hier hatten sie es im Winter warm, bekamen größere Portionen Essen und erhielten eine Ausbildung, die Hebräisch- und Englischunterricht, Sport, Kunst und ein strenges Hygieneprotokoll umfasste. Viele Holocaust-Überlebende sagten, dass sie Hirsch ihr Leben verdanken.

Irgendwie gelang es ihm unter schrecklichen und brutalen Umständen, das Undenkbare zu erreichen – und das, obwohl er jüdisch und homosexuell war, und damit er in der grausamen Hierarchie des Lagers ganz unten stand. Überlebende, die ihn kannten, sagten aus, dass SS-Offiziere ihn relativ gut behandelten, da er ein deutscher Muttersprachler war, der es schaffte ein ordentliches Aussehen zu bewahren und Sport zu treiben. Fredy Hirsch starb schließlich im März 1944 in Auschwitz.

Ich habe mich an einige LGBTQI+- und Bildungsorganisationen gewandt. Ich wollte sie dazu bewegen, Hirschs Geschichte im Rahmen ihrer Bildungsangebote für Teenager aufzunehmen. Doch ohne wirklichen Erfolg. Es fühlte sich für mich nicht richtig an, dass sein Erbe und sein Beitrag nicht anerkannt wird. 

Und heute ehrt Google Hirsch mit einem Doodle, das in Deutschland, Israel und vielen anderen Ländern weltweit zu sehen ist  – denn heute wäre sein 105. Geburtstag gewesen.

Damit wird eine wichtige Geschichte geehrt, die nicht allgemein bekannt ist. Laut Rubi Gat, der den Dokumentarfilm „Dear Fredy“ gedreht hat, hat das kommunistische Regime der Tschechoslowakei Fredys Geschichte nicht erzählt, weil er Jude und Homosexueller war. Das passte leider nicht in ihren Darstellungen, wer als Held galt.

Dr. Michal Aharony, Herausgeber des Journal of Holocaust Research und Autor des Artikels „Der unbekannte Held, der Kinder in Auschwitz rettete“, sagt, dass Holocaust-Überlebende, die Hirsch kannten, liebevoll über ihn sprachen und erwähnten, dass er offen homosexuell lebte. In wissenschaftlichen Texten wurde seine sexuelle Orientierung in den letzten Jahrzehnten erwähnt.

Ich hoffe, dass Hirschs Geschichte andere dazu inspirieren wird, an die vielen historischen LGBTQI+-Persönlichkeiten zu erinnern, denen nie richtig Anerkennung zuteil wurde. Und dass zukünftige Generationen von diesem Erbe profitieren werden.

Ich finde, wir sollten uns vor allem an Fredy Hirsch als jemanden erinnern, der für Solidarität und Großzügigkeit stand, der an die Kraft eines gesunden Lebensstils geglaubt hat und mit schrecklichen Umständen umgehen konnte. Ein Held, der sich dafür entschied, den Bedürftigsten zu helfen, anstatt sich selbst retten.