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„Ein Unternehmen zu gründen, ist immer ein Sprung ins kalte Wasser“

Porträtfoto von Deborah Choi
Foto: Katja Hentschel

Deborah Choi ist Co-Founderin des Berliner Pflanzen-Startups Bosque und erhielt im letzten Jahr eine Förderung durch den Google for Startups Black Founders Fund. Dieser wurde 2020 ins Leben gerufen, um Tech-Startups von schwarzen Gründer:innen mit finanziellen Mitteln und Mentoring zu unterstützen. Bevor das Programm nun bald in die nächste Runde geht, berichtet Deborah uns von ihrem Weg als Gründerin – und gibt Tipps für angehende Bewerber:innen, die noch bis zum 17. April die Chance haben, ihre Unterlagen einzureichen: https://www.campus.co/europe/black-founders-fund/

Hi Deborah! Würdest Du dich bitte kurz vorstellen und uns verraten, was deine größte Leidenschaft ist?

Ich bin Deborah Choi, Mutter einer kleinen Tochter, Unternehmerin und derzeit Geschäftsführerin bei Bosque und Founderland – zwei Unternehmen, die im vergangenen Jahr Unterstützung von Google erhalten haben. Seit nunmehr sechs Jahren nenne ich Berlin mein Zuhause, vorher habe ich in Amerika gelebt und bin in Nigeria geboren. Besonders in den letzten Jahren der Pandemie habe ich viel darüber nachgedacht, was mich antreibt. Mit der Erkenntnis: Meine größte Leidenschaft besteht darin, ein gutes Vorbild für meine Tochter zu sein, indem ich ein sinnerfülltes Leben führe. In meiner Rolle als Unternehmerin tue ich das, indem mein Team und ich versuchen, Lösungen für verschiedene Probleme zu finden. Bei Founderland beschäftigen wir uns beispielsweise damit, wie mehr finanzielle Mittel für talentierte unterrepräsentierte Gründer:innen zur Verfügung gestellt werden können. Und bei der Gründung von Bosque stellten wir uns der Frage, wie wir es schaffen, im Zeitalter des Konsumismus ein Direct-to-Consumer-Unternehmen zu gründen.

Und wie genau schafft ihr das?

Bosque ist eine technologiegestützte Pflanzenmarke für den Direktvertrieb. Wir verfolgen einen sehr ganzheitlichen Ansatz, um nachhaltig gezüchtete Pflanzen auf eine Weise zu liefern, die der Umwelt nicht schadet – und zwar klimaneutral und plastikfrei. Uns liegt es sehr am Herzen, dass wir unsere Kund:innen dazu bewegen, ihren Konsum einzuschränken. Das klingt vielleicht zunächst nicht so sinnvoll, schließlich haben wir einen Online-Shop. Doch beides kann funktionieren, indem wir qualitativ hochwertige Pflanzen verkaufen, die lange halten und nicht sofort eingehen. Dazu tragen auch unsere Technologien bei: Wer bei uns eine Pflanze kauft, erhält durch unsere App Unterstützung bei der Pflanzenpflege – die wiederum basiert auf einer Kombination aus Künstlicher Intelligenz und menschlichem Ansatz.

Du bist in Nigeria aufgewachsen und hast in New York gelebt. Warum hast du dich dafür entschieden, ein Startup in Berlin zu gründen?

Ich habe schon in vielen Städten Unternehmen gegründet. Mein erstes Startup entstand bereits während meines Studiums an der Universität in Chicago. Ich finde, dass Berlin etwas ganz Besonderes an sich hat, das viele Menschen hierher zieht und zum Gründen antreibt. Natürlich gab es auch einige Hürden und Herausforderungen, vor allem als Gründerin mit einem Migrationshintergrund. Viele Dinge musste ich erst lernen, um in Deutschland zu gründen und eine Marke aufzubauen. Allerdings bietet die Stadt auch großartige Möglichkeiten: Berlin ist von einer sehr nachhaltigen Kultur geprägt und viele Klimatechnologie-Startups sind hier angesiedelt. Das Thema Nachhaltigkeit bedeutet in Berlin auch, sowohl Gründer:in zu sein, aber gleichzeitig eine Familie zu haben und andere Interessen zu verfolgen. Die Stadt ermöglicht es, einen gesunden Ausgleich zu finden und bietet den Raum, sich anderen Verpflichtungen abseits des eigenen Unternehmens zu widmen. Hier kann ich meine zwei Identitäten als Mutter und Unternehmerin auch authentisch zeigen – im Ökosystem von New York oder dem Silicon Valley wäre das vermutlich etwas schwieriger.

Aus über 800 Bewerbungen wurde Bosque für den Google for Startups Black Founders Fund in Europa ausgewählt. Wie hast du von diesem Erfolg erfahren?

Zugegeben, es war fast ein wenig frech (lacht): Unser Team wurde zu einer, wie wir dachten, finalen Interviewrunde eingeladen. Also bereitete ich sorgfältig ein Pitch Deck und verschiedene Antworten auf mögliche Fragen vor. Aber es stellte sich dann als das Gespräch heraus, indem angekündigt wurde, dass Bosque es geschafft hatte. Im ersten Moment war ich total geschockt, dann sehr aufgeregt und dankbar. Ich hatte einfach das Gefühl, dass nun etwas wirklich Großes beginnen würde. Es kam also völlig überraschend!

Was macht das Mentorship-Programm von Google für dich so besonders?

Meine Beziehung zu Google begann schon vor ein paar Jahren, als ich Teil des zweiten Jahrgangs von Gründerinnen im Google for Startups Accelerator-Programm gewesen bin. Das war auch mein erster Einstieg in das Universum von Google for Startups – zusammen mit dem Mentoring und all den Gründerinnen um mich herum, die alle etwas Ähnliches durchgemacht haben. Ein großer Wendepunkt für mich! Denn auf einmal war ich mit vielen Gleichgesinnten vernetzt, mit denen ich mich authentisch und offen über all die Themen austauschen konnte, die mich beschäftigten – zum Beispiel darüber, gleichzeitig Mutter und Unternehmerin zu sein. Nicht nur die Gruppe von Gründerinnen, sondern auch das Mentorship-Programm und die Unterstützung des Google for Startups-Teams haben mir sehr geholfen. Es gab immer eine Person, mit der ich über mögliche Probleme reden konnte und die mir half, die Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Als ich dann vom Black Founders Fund hörte, wusste ich sofort, dass ich mich bewerben musste. Ich hatte ja bereits Erfahrung damit, wie gut Google for Startups darin war, eine Gruppe zu betreuen und die richtigen Leute zur richtigen Zeit zusammenzubringen. Ich wollte unbedingt ein Teil davon sein und so wurde mein Interesse geweckt, mich für das Programm zu bewerben.

Ein Unternehmen zu gründen, ist ein sehr mutiger Schritt – den du bereits mehrere Male gegangen bist! Was hat dir beim ersten Mal dabei geholfen?

Mein allererstes Startup fuhr sozusagen noch auf Stützrädern, weil ich es an der Universität gegründet hatte: Ein Ort, an dem ein großer Teil des Drucks und der Angst vor dem Scheitern abgefedert wird. Ich hatte viele Berater:innen und Unterstützung um mich herum, zum Beispiel in Form von Studierendengruppen. Ich bin auf das Gründen gestoßen, indem ich einfach mit meinen Freund:innen etwas getan habe, das uns Spaß macht. Schnell haben wir gemerkt, dass wir ja eigentlich Co-Founder waren und unsere Projekte Geschäftsideen sein könnten. Diese Transformation vollzog sich dann in diesem sicheren Raum zum Erforschen, den eine Universität bietet. Und das Gründen war etwas, das ich erforschte. Nach dieser Zeit fühlte sich das natürlich etwas beängstigender an: Manchmal musste ich sichere Jobs aufgeben und ins kalte Wasser springen. Das ist wahrscheinlich der Ausgangspunkt von vielen Menschen, die darüber nachdenken, ein Unternehmen zu starten. Egal, wie gut man sich vorbereitet: Es ist immer neu. Und natürlich gibt es auch immer ein Risiko. Ich habe jedoch mittlerweile Wege gefunden, wie ich diesen Schritt mit ein wenig mehr Selbstvertrauen gehen kann.

Mit deiner Organisation Founderland setzt du dich sehr für das Empowerment von BIPOC-Gründerinnen ein. Wie können diese noch besser unterstützt werden?

Es ist wirklich eine große Herausforderung: Ein Blick in die Statistik zeigt, dass weniger als 0,5 Prozent des gesamten Venture Capitals in Europa an Women of Color geht. Wenn wir uns die Gründerinnen insgesamt anschauen, liegt die Anzahl aller Gründerinnenteams in Europa unter 3 Prozent. Es gibt noch viel zu tun, um auch nur annähernd an Gleichstellung heranzukommen. Ursprünglich hatten meine Mitgründerin und ich gar nicht geplant, Founderland zu gründen. Wir haben uns über das Female Founders Programm von Google for Startups kennengelernt und dachten uns: Lass uns doch ein Programm oder eine Community für BIPoC-Gründerinnen finden und uns ihr anschließen! Also begaben wir uns auf die Suche. Als wir nicht fündig wurden, war uns klar, dass wir den Schritt gehen und etwas Eigenes aufbauen mussten. Wir haben es also gewagt, die Gemeinschaft unserer Träume aufzubauen. Seitdem setzen wir uns dafür ein, dass die Wettbewerbsbedingungen verbessert werden und mehr unterrepräsentierte Gründerinnen in den Portfolios der größten Venture Capital Fonds Berücksichtigung finden.

Wie helfen dir Google Tools bei deiner täglichen Arbeit?

Bei Bosque halten wir unsere Videokonferenzen hauptsächlich mit Google Meet ab, zusätzlich nutzen wir Marketing-Tools wie Google Analytics, Google Ads und vieles mehr. Als Teil des Google for Startups-Programms standen uns glücklicherweise Expert:innen zur Seite, die uns dabei halfen, die Tools auch wirklich zu verstehen und ihr volles Potenzial auszuschöpfen. Wir konnten also nicht nur auf all diese nützlichen Werkzeuge zugreifen, sondern auch jederzeit eine Ansprechperson direkt von Google konsultieren. Für ein junges Unternehmen wie uns war das unglaublich wertvoll!

Was waren die größten Herausforderungen, die ihr bisher mit Bosque gemeistert habt?

Bosque ist ein Unternehmen, das aus Risikokapital finanziert wurde. Das Fundraising ist ein wichtiger Teil unserer Geschichte und gleichzeitig eine besonders große Herausforderung für uns gewesen. Es gibt viele großartige Fonds, die sich auf unseren Bereich, dem Direktvertrieb, fokussieren. Mit der richtigen Person zur richtigen Zeit ins Gespräch zu kommen und diese letztlich zu überzeugen, ist jedoch kein einfaches Unterfangen. Das Google for Startups-Programm hat uns in großartiger Weise darin unterstützt, uns so gut wie möglich auf diese Treffen vorzubereiten und genau den passenden Ton zu treffen.

Auch die Pandemie ging nicht spurlos an uns vorbei: Es war definitiv eine wilde Fahrt mit vielen Höhen und Tiefen und hat unsere Führungsqualitäten ziemlich auf die Probe gestellt. Unser junges Team aus der Ferne zu motivieren und erfolgreich durch die Krise zu navigieren, war auf jeden Fall auch eine Herausforderung.

Die Bewerbungsphase für die nächste Runde des Google for Startups Black Founders Fund in Europa läuft noch bis zum 17. April. Welchen Rat möchtest du Bewerber:innen mit auf den Weg geben?

Zunächst einmal: Bewerbt euch! Selbst, wenn ihr ihr an euch zweifelt. Ich erinnere mich, als ich mich im vergangenen Frühling zusammen mit meiner Mitgründerin von Founderland bei der Google.org Impact Challenge for Women and Girls beworben habe. Wir haben den den Bewerbungsaufruf gelesen und gedacht: Das ist nichts für uns, sondern für Organisationen, die viel älter oder größer sind als wir. Aber die Realität ist, dass man nie eine Chance hat, wenn man nein sagt. Der allererste Schritt ist also, es einmal zu versuchen und euch zu zeigen. Wichtig ist auch, dass ihr euch darüber genau im Klaren seid, was ihr aus dem Programm herausholen wollt. Denn die Zeit vergeht schnell und die Zahl der vielversprechenden Kontakte, die ihr dadurch knüpfen könnt, ist nahezu grenzenlos.

Zu guter Letzt: Was ist deine Lieblingspflanze?

Das ändert sich ständig, aber momentan es die Maranta leoconeura. Sie wird auch Gebetspflanze genannt, weil sie sich im Laufe des Tages mit dem Licht bewegt – und das liebe ich so an ihr!

Vielen Dank für das interessante Gespräch, Deborah.