Coden, KI und Inklusion
Was passiert, wenn Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen, Software-Entwickler*innen und KI-Fachleute zwei Tage zusammenkommen, um neue Ideen für Barrierefreiheit und Inklusion zu entwickeln? Beim Hackathon im Berliner AI Center zeigten zehn interdisziplinäre Teams eindrucksvoll, wie mit cleveren KI-Lösungen Hürden im Alltag abgebaut werden.
Isabelle Joswig (Google) und Christina Marx (Aktion Mensch) begrüßen die über 60 Gäste
Am Ende des Artikels verraten wir, welche drei Teams von der Jury ausgezeichnet wurden. Doch hier zunächst alle zehn Prototypen im Überblick:
Das "ClickFix"-Team
1. ClickFix: Barrierefreies Webdesign auf Knopfdruck
- Problem: Historisch gewachsene Webseiten fehlen oft notwendige HTML-Tags zur Tastatur- und Screenreader-Steuerung, was z. B. den Online-Einkauf unmöglich macht.
- Lösung: Die Chrome-Extension ClickFix erkennt nicht-barrierefreie Web-Elemente dynamisch und korrigiert deren Eigenschaften im Hintergrund.
- Nutzen: Sie öffnet Tastatur- und Screenreader-Nutzenden verschlossene digitale Türen und gewährt sofortigen Zugang zu bisher unbedienbaren Webseiten.
Sami Magdouli und Malek Hussein bei der Arbeit an „Google Door”
2. „Google Door”: Orientierung bis zur richtigen Tür
- Problem: Klassische Navigationsdienste wie Google Maps führen oft nur bis zur Adresse, geben aber etwa blinden Personen keine Hinweise, wo genau der Eingang eines Gebäudes zu finden ist.
- Lösung: Die App-Erweiterung nutzt Videoaufnahmen und Smartphone-Sensoren (LIDAR), um Eingänge per KI zu analysieren und per Live-View und Sprachführung anzusteuern.
- Nutzen: Sie schließt eine zentrale Orientierungslücke für Menschen mit Einschränkungen und bringt sie präzise ans Ziel.
Das Team mit Adina Hermann, Sozialhelden (rechts)
3. Collective Access: Der intelligente Reiseassistent für alle Bedürfnisse
- Problem: Die Urlaubsplanung verursacht bei Menschen mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten enormen Aufwand und „Access Fatigue“.
- Lösung: Ein Schritt-für-Schritt KI-Assistent gleicht individuelle Bedarfe mit Reiseportalen ab, sendet automatische Verifizierungs-E-Mails an Hotels und integriert Barrierefreiheits-Kriterien in Google-Bewertungen.
- Nutzen: Er nimmt Betroffenen die Planungslast, schafft Transparenz über Live-Daten und fördert gesellschaftliche Sichtbarkeit.
Die „Ampel-Piloten“
4. Ampel Pilot: Sichere Straßenüberquerung mit KI-Unterstützung
- Problem: Bisherige Assistenz-Apps zur Ampelerkennung unterstützen oft keine komplexen Kreuzungen, Straßenbahnen oder Baustellen.
- Lösung: Eine eigenständige Android-App analysiert Straßenszenen per KI vollkommen lokal und offline direkt auf dem Smartphone.
- Nutzen: Blinde und sehbehinderte Menschen erhalten in Echtzeit auditive Signale an Kreuzungen – zuverlässig, schnell und unabhängig von Mobilfunkempfang.
Das „VerAInfacher-Team“
5. VerAInfacher 2.0: Generative Bildsprache für besseres Textverständnis
- Problem: Komplexe Texte überfordern Menschen mit kognitiven Einschränkungen oder Lernschwierigkeiten, selbst wenn sie in Leichte Sprache übersetzt werden.
- Lösung: VerAInfacher 2.0 ergänzt vereinfachte Zusammenfassungen und Vorlesefunktionen um maßgeschneiderte, KI-generierte Illustrationen.
- Nutzen: Die visuellen Anker dienen als Verständnisbrücken, reduzieren die kognitive Last und sichern den selbstständigen Zugang zu Informationen.
Sie arbeiteten an einfacher Sprache und verlässlichen KI-Antworten
6. Faktengeprüfte KI-Antworten in Leichter Sprache
- Problem: Standard-KI-Modelle halluzinieren gelegentlich oder formulieren zu komplex, was bei sensiblen Themen wie Medikation Sicherheitsrisiken birgt.
- Lösung: Ein Custom-GPT übersetzt in Leichte Sprache, prüft Antworten automatisch gegen verlässliche Quellen und bewertet die Verlässlichkeit in einem Ampelsystem mit Handlungsempfehlungen.
- Nutzen: Nutzende erhalten verständliche Informationen mit klarer Einschätzung der Verlässlichkeit für mehr Sicherheit im Alltag.
Das AcessABLE-Team mit Florian Sang, Aktion Mensch
7. AccessABLE: Barrierefreies Programmieren mit KI-Coding-Agenten
- Problem: Entwicklungsumgebungen und KI-Coding-Tools erzeugen durch unübersichtliche Code-Mengen hohe kognitive Hürden für Entwickelnde mit Behinderungen.
- Lösung: Eine barrierefreie Benutzeroberfläche trennt den Code-Kontext strikt vom Systemstatus und ermöglicht Steuerung per Sprache, Tastatur sowie verständliche Erklärungen.
- Nutzen: Sie senkt die Einstiegshürden in die Softwareentwicklung massiv und ermöglicht selbstbestimmte Teilhabe am Arbeitsmarkt.
Das Team mit Erdin Ciplak aka "Mr Blindlife" (zweiter von links)
8. Door-to-Door Navi: Die Punktlandung auf den letzten Metern
- Problem: Das GPS endet kurz vor dem Ziel, lässt blinde und sehbehinderte Menschen jedoch im Unklaren darüber, wo sich die tatsächliche Tür oder der Türgriff befindet.
- Lösung: Durch die Kombination von Street-View-Daten, Bildanalysen und Live-Kamerafeed führt das System akustisch und haptisch buchstäblich bis zur Klinke.
- Nutzen: Es schafft echte Tür-zu-Tür-Autonomie im urbanen Raum und beseitigt die Orientierungslosigkeit auf den letzten Metern.
Das Team “CallBuddy” mit Wioletta und Samuel Wyrwol (links) sowie Christian Beyerlein (rechts)
9. Call-Buddy: KI-gestützte Telefonate ohne Sprachbarriere
- Problem: Telefonate beim Arzt oder bei Behörden stellen für gehörlose, autistische oder sprachbeeinträchtigte Menschen eine oft unüberwindbare Barriere dar.
- Lösung: Call-Buddy bereitet Anrufe dynamisch vor und führt Telefonate autonom mit KI-Stimme durch, während Nutzende live mitlesen und per Text eingreifen können.
- Nutzen: Die App stellt die gesellschaftliche Teilhabe in der Alltagskommunikation wieder her und ermöglicht selbstständige Terminbuchungen.
Franka präsentiert das „KI-Sprachrohr“
10. Sprachrohr: Individualisierte Spracherkennung für jede Stimme
- Problem: Standard-Sprachassistenten scheitern häufig an individuellen Sprachmuster-Abweichungen (z. B. bei Dysarthrie).
- Lösung: Sprachrohr trainiert ein lokales Open-Source-Modell mit nur wenigen Sprachbeispielen der betroffenen Person für extrem präzise Erkennung.
- Nutzen: Es ermöglicht sprachbeeinträchtigten Menschen die zuverlässige, selbstbestimmte Steuerung von Smart-Home-Geräten und Assistenz-Apps.
And the winners are …
Die drei erfolgreichen Teams mit der Jury, Astrid Weber und Michael Wahl (links), Christina Marx (rechts).
Angesichts der hohen Qualität aller zehn Projekte war die Expertenjury mit Christina Marx (Aktion Mensch), Astrid Weber (Google) und Michael Wahl (BFIT-Bund) nicht zu beneiden. Am Ende wurden die Projekte “VerAInfacher 2.0”, “Call-Buddy” und “ClickFix” als die besten Lösungen ausgezeichnet. Nach Meinung der Jury erfüllten diese Projekte die vier zugrundeliegenden Kriterien am besten: 1) Echter Mehrwert für Menschen mit Behinderung, 2) Originalität, 3) Funktionsfähigkeit und technische Finesse, 4) Praxisbezug und Umsetzbarkeit.
Die Zukunft der inklusiven Technologie
Die zehn Hackathon-Projekte zeigen eindrucksvoll, welchen Hebel künstliche Intelligenz für eine barriereärmere Gesellschaft darstellt. Wenn Technologie von Anfang an inklusiv gedacht wird, schafft sie echte Selbstbestimmung und digitale Teilhabe für alle. Wir bedanken uns bei allen Teilnehmenden am Hackathon für zwei unglaublich produktive und begeisternde Tage. Auf ein Neues in 2027!