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„Wir Transmenschen sind alle unterschiedlich“

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Servus Adrian – schön, dass du Zeit für uns hast. Woran arbeitest du aktuell? Was begeistert dich an deiner Arbeit?

Hallo, ich bin Adrian. Mein Pronomen ist „er“. Ich arbeite bei Google in München als Site Reliability Engineer. Das bedeutet: Als Software-Entwickler bin ich für den Betrieb von Software verantwortlich. Aktuell arbeite ich an Verbesserungen für unsere internen Tools, die die Google Software-Entwickler:innen zum Schreiben von Software verwenden. Mich begeistert an meiner Arbeit, dass sie so vielseitig ist. Es gibt viele verschiedene Themen, an denen man arbeiten kann. Außerdem mag ich es sehr, mit anderen zusammenzuarbeiten. Das war (und ist) zwar während Corona nicht immer ganz einfach, aber mein Team hat da trotzdem einen guten Weg gefunden.

Wie bist du zu Google gekommen?

Ich bin seit Februar 2020 bei Google Deutschland, habe also zum Beginn der Pandemie bei Google angefangen. Ich habe in München Informatik studiert – meinen Bachelor habe ich an der Hochschule München und meinen Master an der TU München gemacht.

Das erste Mal in Berührung mit Google bin ich während des Studiums beim Google Summer of Code gekommen, einem Projekt, bei dem Google Praktika bei Open Source-Projekten finanziert. Während meines Masters war ich auch in einem Mentoring-Programm bei Google, habe also einige Leute und das damalige Büro am Marienhof kennengelernt. Ich hatte damals aber zu viel Angst vor dem Bewerbungsprozess und habe mich nicht getraut, mich zu bewerben.

Nach meinem Master-Studium habe ich zunächst bei einem Forschungsinstitut gearbeitet. Da hat mir zwar die Thematik sehr gut gefallen, aber vom Gefühl her haben die meisten dort viel für sich alleine gearbeitet – und ich arbeite viel lieber mit anderen Menschen zusammen. Ich bin weiter ins IT-Consulting gewechselt, das war aber nicht so meins. Kurz nach dem Wechsel bin ich das erste Mal von einem Google Recruiter angeschrieben worden, inklusive erstem Interviewgespräch. Allerdings hatte ich mich nicht besonders gut vorbereitet, woraufhin ich eine Absage erhielt.

Und wie hat es schlussendlich geklappt?

Zwei Jahre später bin ich erneut angeschrieben worden und da hat es dann – mit der entsprechenden Vorbereitung – geklappt. Wie beim regulären Bewerbungsprozess, der bei Google üblich ist, wurden auch meine Abschlussdokumente von einem externen Dienstleister überprüft – was allerdings nicht ganz so einfach war. Denn in meinem Fall waren meine Dokumente zwar mit meinem neuen Namen neu ausgestellt worden, ich war bei der TU München aber noch mit meinem alten Namen in der Studierenden-Datenbank registriert. Daher hat die Überprüfung zunächst nicht funktioniert, was mich einiges an Nerven gekostet hat. Mit Durchhaltevermögen und penetrantem Einfordern wurde am Ende aber alles gut.

Arbeitest du im Home Office oder im Büro?

Ich versuche so viel wie möglich vom Büro aus zu arbeiten, weil ich mich da einfach besser konzentrieren kann. Ich mag den Ortswechsel zwischen meinem „Freizeitort“ und meinem „Arbeitsort“. Zudem arbeitet mein Mann von zu Hause und wir haben nur eine Zwei-Zimmer-Wohnung. Wenn man gleichzeitig Meeting hat, muss einer ins Schlafzimmer gehen – nicht so ideal. Für mich überwiegen klar die Vorteile vom Büro. Ich habe aber auch viele Kolleg:innen, die viel lieber von Zuhause aus arbeiten – aus ganz unterschiedlichen Gründen.

Diese Woche wird mit der Transgender Awareness Week und dem Transgender Day of Remembrance am 20. November an die Opfer transfeindlicher Gewalt gedacht. Kannst du uns dazu mehr Hintergrund geben?

Die Transgender Awareness Week soll über die Lebenswirklichkeiten von Transmenschen aufklären und aufzeigen, welchen Problemen und Diskriminierungen wir in unserem Leben ausgesetzt sind. Am Transgender Day of Rememberance, den es seit 1998 gibt, gedenken wir der Opfer transphober Gewalt.

Leider ist es im Jahre 2021 noch so, dass Transmenschen vielfältiger Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt sind. Zudem ist es auch leider so, dass Rechte, die wir uns an manchen Orten schon erstritten hatten, uns wieder genommen wurden. Daher ist es wichtig, auf die Probleme aufmerksam zu machen.

Bei Google organisiert das interne Transgender-Netzwerk „Trans@Google“ verschiedene Veranstaltungen. Dieses Jahr haben wir zum Beispiel verschiedene Transaktivist:innen, unter anderem Henri Jakobs, einen deutschen Musiker und Schauspieler, eingeladen. Wir bieten aber auch ein Trans-101-Training, in dem wir Basis-Aufklärung zur Transthematik machen.

Warum braucht es so einen Tag?

Wenn ich mir anschaue, welche Berichterstattung es dieses und vergangenes Jahr zur Reform des sogenannten Transsexuellengesetz in Deutschland hin zu einem Selbstbestimmungsgesetz gab, dann weiß ich, dass wir so einen Tag immer noch brauchen. Es wird immer wieder davon berichtet, dass Transmenschen – und vor allem Transfrauen – gefährlich wären und nur deshalb transitionierten, um in die Schutzräume von Cisfrauen einzudringen. Oder dass viele Transmenschen nur transitionierten, weil es in Mode sei, was auch immer das bedeuten soll.

Die Wirklichkeit sieht anders aus: Laut einer Umfrage der EU-Grundrechteagentur (FRA) unter Transmenschen wurden zehn Prozent der Befragten in 2019 Opfer von Belästigung und Gewalt – in den vergangenen fünf Jahren waren es sogar 19 Prozent. Ich denke, Aufklärung kann da einen großen Teil beitragen, Ängste ab- und Verständnis aufzubauen.

Was macht Trans@Google?

Wir sind ein Netzwerk und eine Interessensvertretung für Transmenschen, die bei Google arbeiten. Wir bieten zum Beispiel Informationen und Unterstützung während der Transition, machen Trainings, und organisieren Events. Wir versuchen aber auch aktiv die Situation von Transmenschen bei Google zu verbessern, indem wir beispielsweise darauf hin arbeiten, in allen Büros eine ausreichende Anzahl an gender-neutralen Toiletten zu haben. Generell gibt es zwar noch einige Baustellen, wobei ich aber schon sagen muss, dass Google im Vergleich zu anderen Arbeitgeber:innen um einiges weiter ist – zum Beispiel bei der Normalisierung von Pronomen, einem Namenswechselprozess, der Existenz eines Transnetzwerks und mehr.

Als Netzwerk bieten wir einen geschützten Raum, in dem sich auch ungeoutete Kolleg:innen sicher fühlen können. Wir helfen uns gegenseitig – auch bei Themen, die jetzt nichts mit dem Trans-Sein zu tun haben. Mir hat das gerade in meiner Anfangszeit sehr geholfen. Auch jetzt wende ich mich zum Beispiel mit Karriereplanungsfragen immer zunächst an mein Trans@-Netzwerk.

Was habt ihr bereits für Erfolge erzielen können?

Also in den USA spielt natürlich der ganze Krankenversicherungsbereich eine große Rolle, da haben wir schon viel erreicht. Dann haben wir – wie bereits erwähnt – dafür gearbeitet, in allen Büros gender-neutrale Toiletten zu haben. Hier sind wir noch nicht ganz da, wo wir sein wollen, aber auf einem guten Weg. Persönlich fand ich es besonders schön, dass sich Google in Großbritannien mit einem Twitter-Post klar gegen die transphoben Pläne der Regierung positioniert hat. Hierfür hat sich besonders Alison Lomax, unsere Exec-Sponsorin aus dem Leadership-Team, eingesetzt, ein super Beispiel für Allyship.

Du lebst offen als Trans-Mann in München. Musstest du Erfahrung mit Diskriminierung und Hasskriminalität machen?

Körperliche Gewalt musste ich glücklicherweise noch nicht erleben, wobei ich auch sagen muss, dass ich in der Regel als Mann gelesen werde. Was ich aber leider durchaus schon erleben musste, ist Diskriminierung im medizininischen Bereich. Ich hatte schon zwei Erlebnisse mit Ärzten, bei denen mir bei Terminen völlig unangebrachte und sehr persönliche Fragen gestellt wurden, die absolut nichts mit meinem eigentlichen Besuchen zu tun hatten. Das hat mich schon erschüttert und lässt mich auch jetzt immer wieder zögern, eine:n Ärzt:in aufzusuchen, die:den ich nicht kenne.

Ich denke, dass gerade die Art und Weise, wie in der Regel über Transmenschen berichtet wird, Cismenschen suggeriert, dass es okay ist, uns solche Fragen zu stellen. Wenn Transmenschen in Interviews nach dem Status ihrer Genitalien befragt werden und dann mit Irritation reagiert wird, wenn sie die Fragen nicht beantworten wollen, sagt das schon einiges über unseren Umgang mit Transmenschen aus. Mein Tipp: Bevor man einem Transmenschen eine intime Frage stellt, bitte überlegen, ob man dieselbe Frage auch einem Cismenschen stellen würde.

Womit hast oder hattest du bisher am meisten zu kämpfen?

Am Schwierigsten war für mich der Begutachtungsprozess, der in Deutschland für die Namens- und Personenstandsänderung nötig ist. Der Prozess verlangt, dass man sich von zwei Psychiater:innen begutachten lässt – und diese stellen einem sehr intime Fragen. Und diese müssen beantwortet werden, ansonsten erhält man kein Gutachten. Man muss in dem Begutachtungsgespräch auch beweisen, dass man sich seit mindestens drei Jahren dem Geschlecht zugehörig fühlt, zu dem man transitioniert. Nur wie beweist man, dass man sich einem Geschlecht zugehörig fühlt?

Ich fand das sehr schwierig – diesen ständigen Druck, sich erklären und verteidigen zu müssen, spüre ich auch heute noch. Dabei ist es drei Jahre her, seit ich meinen Namen geändert habe. Wenn ich lese oder sehe, dass in den Medien die Frage aufgeworfen wird, ob es Transmenschen wirklich gibt und/oder ob das nicht nur eine Modeerscheinung ist, ist das auch ein Infragestellen meiner Identität. Das ist anstrengend und macht mich wütend und traurig.

Wie können Menschen besser für das Transgender-Thema sensibilisiert werden?

Ich denke, das Wichtigste ist, dass sich Cismenschen mit dem Thema überhaupt beschäftigen und sich selbst weiterbilden. Am besten, indem sie Ressourcen verwenden, die von Transmenschen erstellt wurden. Sehr zu empfehlen ist zum Beispiel die Dokumentation „Disclosure“, die man bei Netflix anschauen kann. Es gibt aber auch viele gute YouTube-Kanäle – zum Beispiel „Jammidodger“ von Jamie Raines. Sehr schön fand ich auch das Büchlein „Beyond the Gender Binary“ von Alok Vaid-Menon.

Weil es nicht den einen Transmenschen gibt, sondern wir alle unterschiedlich sind (und zum Teil auch unterschiedliche Ansichten vertreten), ist es gut, sich durch verschiedene Quellen zu informieren.

Eine einfache Maßnahme, die man in seinem täglichen Leben anwenden kann, ist zum Beispiel, sich selbst mit Pronomen vorzustellen. Wenn man unsicher ist und nicht weiß, wie man eine Person ansprechen soll, tut es ein freundliches „Hey, du!“.

Hast du Vorbilder – Menschen, die dich inspirieren?

Hmm Vorbilder, das ist gar nicht so einfach... Ich habe auf jeden Fall Menschen, die mich inspirieren. Innerhalb von Google sind das meine Trans@-Kolleg:innen, außerhalb würde ich Schuyler Bailar, Tessa Ganserer und Henri Jakobs nennen.

Wie wichtig ist das Coming-out von Personen des öffentlichen Lebens wie Schauspieler Elliot Page oder Politikerin Tessa Ganserer für die Trans-Community?

Ich finde Sichtbarkeit allgemein super wichtig. Auch weil ich selbst wahrscheinlich viel länger gebraucht hätte, zu realisieren, dass ich trans bin, wenn nicht andere Transmenschen sichtbar gewesen wären. Doch auch für Cismenschen ist eine Sichtbarkeit von Transmenschen enorm wichtig. Je mehr Transmenschen eine Cisperson kennt, desto eher wird sie verstehen, dass wir auch Menschen sind – vielfältig, mehrdimensional und mit viel mehr Gemeinsamkeiten, als sie annehmen.

Wobei ich aber auch erwähnen möchte, dass ich jeden Transmenschen sehr gut verstehe, die:der sich nicht outen möchte. Als geouteter Transmensch wird man häufig auf sein Trans-Sein reduziert. Und es kommt auch häufig vor, dass die:der Gegenüber nach „Beweisen“ für das Trans-Sein sucht. Das ist sehr unangenehm.

Im Vorgespräch hattest du uns von deiner großen Leidenschaft – Sport – erzählt. In welchen Sportarten bist du aktiv?

Ich mache seit sieben Jahren Karate, was ich sehr liebe. Ich hatte anfangs große Angst, durch meine Transition nicht mehr bei meinem Verein trainieren zu können, aber glücklicherweise ist alles gut gegangen. Ich habe zwar ein paar irritierte Blicke bekommen, als ich das erste Mal in der Männerumkleide war, aber meine Trainer haben mich gut unterstützt.

Daneben spiele ich Handball bei Team München, dem LGBT-Sportverein in München. Ich habe dort kurz nach meinem Transouting angefangen. Das Transthema war da natürlich gar kein Problem. Sonst gehe ich noch zum Gewichtheben. Das hat viel dazu beigetragen, dass ich mich in meinem Körper wohler fühle.

Super inspirierend. Für welche Bereiche deines Alltags bieten dir die drei Sportarten Ausgleich?

Beim Karate und Handball muss man sich sehr konzentrieren und präsent sein. Das hilft mir, das Gedankenkarussell im Kopf für 90 Minuten abzustellen. Ausserdem schlafe ich besser, wenn ich mich schön ausgepowert habe. Und ich bin ein sehr ungeduldiger Mensch; alle drei Sportarten helfen mir dabei, geduldiger zu werden. Ich habe zum Beispiel ein Jahr lang auf meine erste richtige Liegestütze hin trainiert. Das war schon ein mega Moment, als ich zum ersten Mal eine Liegestütze geschafft habe. Manchmal lohnt es sich eben doch, geduldig zu sein :). Und klar, in meinem Job arbeite ich ausschließlich mit meinem Kopf, da tut es gut, etwas Körperliches zum Ausgleich zu machen.

Zum Abschluss: Was ist deine Lieblingsserie?

Im Moment schaue ich „Pose“ – die Serie kann ich sehr empfehlen. Aber meine absolute Lieblingsserie, die ich auch schon mindestens fünfmal gesehen habe, ist „Sense8“. In beiden Serien werden die Transmenschen auch von Transmenschen gespielt. Das finde ich persönlich sehr wichtig.

Danke dir für das offene Gespräch, Adrian.

Du hast Lust bei Google zu arbeiten? Dann schau mal unter careers.google.com/jobs/ vorbei.