Zurück zum Hauptmenü
The Keyword Deutschland
Googler

„Aufgeben stand für mich nie zur Debatte.“



In unserer neuen Blogpost-Reihe „Bunt.“ porträtieren wir Kolleg:innen, die darüber berichten, wie es ist, als Mitglied einer Minderheit bei Google in Deutschland zu arbeiten.

Das Thema „Fairness“ spielt für Emre Celik schon immer eine wichtige Rolle in seinem Leben, nicht nur im Fußball. Als Sohn türkischer Einwanderer musste er früh für sich und seine Rechte kämpfen. Heute lebt und arbeitet er in München. 

Foto von Google-Mitarbeiter Emre Celik.

Ein buntes Herz zum Internationalen Tag gegen Homophobie, Transphobie und Biphobie.

Emre, was genau ist dein Job bei Google und wie lange bist du schon dabei?

Hi, ich bin der Emre und arbeite seit drei Monaten als Employee Relations Partner bei Google, bin also noch ein frischer Googler, ein Noogler wie wir sagen. Als Employee Relations Partner kümmere ich mich um das Wohlbefinden unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter — ich untersuche mögliche Diskriminierungen, Belästigungen und andere Arbeitsplatzkonflikte, bei denen die Standpunkte verhärtet sind. Am Ende einer Untersuchung spreche ich eine Empfehlung im Bezug auf geeignete Maßnahmen aus. Außerdem berate ich unsere Kolleginnen und Kollegen aus der HR-Abteilung bei Reorganisationen innerhalb des Unternehmens. 


Einen neuen Job während der Corona-Pandemie anzufangen, kann sehr herausfordernd sein. Wie lief dein Einstieg?

Mein Einstieg war wirklich gut und damit meine ich wirklich sehr gut! Es vergeht kein Tag, an dem mich Google nicht aufs Neue positiv überrascht. Per Knopfdruck waren Laptop, Bildschirm, Maus und Tastatur da. Zudem konnte ich mir weiteres Equipment für meinen Arbeitsplatz daheim bestellen – was Google seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern letztes Jahr weltweit für das Home Office ermöglicht hat. Sogar eine Zimmerpflanze habe ich bekommen. Fast täglich erhalte ich nette und liebevolle Nachrichten von Googlern, die mir ihre Unterstützung anbieten und mich willkommen heißen. Ich hätte nicht gedacht, dass der Start so problemlos ablaufen wird – gerade während einer globalen Pandemie.


In Non-Pandemie-Zeiten würdest du im Münchner Büro mit Kolleginnen und Kollegen von Angesicht zu Angesicht sprechen. Funktioniert so eine komplett digitale Arbeit in deinem Bereich überhaupt?

Es bedarf schon einer gewissen Umgewöhnung. Mein Job erfordert wirklich sehr viel Empathie und Einfühlungsvermögen. Ich versuche immer eine gute Gesprächsatmosphäre zu schaffen, was virtuell schlichtweg schwieriger ist aber durchaus möglich. Emotionen lassen sich besser vor Ort transportieren und einfangen als in einer Videokonferenz. 


Wie hat es dich zu Google verschlagen – warum hast du dich für Google entschieden?

Tatsächlich ist Google direkt auf mich zugegangen, nachdem meine jetzige Stelle in Deutschland neu geschaffen wurde. Bisher gibt es in Deutschland nicht so viele Personen, die im Employee Relations Bereich arbeiten.

Googles HR-Abteilung hat die Personalarbeit auf die gleiche Weise revolutioniert, wie Google im Allgemeinen die Suche im Web. Sei es während meines Studiums, meiner Zeit in der Beratung oder während meiner ehrenamtlichen Arbeit im Diversity-Umfeld. Google war immer präsent, weshalb ich mich über das Jobangebot gefreut habe. 


Du hast uns im Vorgespräch erzählt, dass du zunächst einen Hauptschulabschluss gemacht hast. Wie ging es danach weiter?

Das ist korrekt. Ich habe kein Abi, sondern nach dem qualifizierenden Hauptschulabschluss die Mittlere Reife und anschließend eine Ausbildung zum Personaldienstleistungskaufmann absolviert. Berufsbegleitend habe ich eine Weiterbildung zum Fachwirt gemacht – und somit meine Hochschulzulassung erlangt. Sowohl meinen Bachelor of Law als auch meinen Master of Science in HR habe ich neben meinem Job gerockt.

Studieren und nebenher ein wenig zu jobben war für mich nicht drin, da ich die finanzielle Absicherung nicht hatte. Daher kam für mich nur ein Vollzeitjob infrage, den ich berufsbegleitend um ein Studium am Abend und am Wochenende ergänzt habe. Viel Freizeit hatte ich damals nicht, aber es war immer schon mein Lebenstraum, zu studieren. Aus meiner damaligen Sichtweise habe ich ein Studium immer mit einem Privileg für Personen aus gutem familiären Umfeld mit entsprechendem finanziellen Background verbunden. 

Aufgeben stand für mich nie zur Debatte, ich habe mich immer wieder selbst motiviert und einfach weitergemacht. 


Was hast du in deiner bisherigen beruflichen Laufbahn gelernt?

Die ersten Jahre meiner Karriere habe ich als Berater bei HR factory gearbeitet, einer Unternehmensberatung, wo ich für Tech-Kunden wie Microsoft zuständig war. Danach habe ich einige Jahre bei Telefónica (o2) als People Partner gearbeitet, wo ich den Omnichannel-Bereich betreut habe. Hier bekam ich auch die Möglichkeit, Teil der größten Fusion der deutschen Telekommunikationsgeschichte (Telefónica & e-plus) zu sein. Weiter ging es zu Adobe, dort habe ich als Employee Relations Partner gearbeitet. Mein Ziel war es, Managern und dem Unternehmen im Allgemeinen dabei zu helfen, ein hohes Mitarbeiterengagement und eine hohe Produktivität zu erreichen. Außerdem habe ich das LGBTQI+-Netzwerk von Adobe Deutschland zusammen mit anderen Kolleginnen und Kollegen geleitet. 

Ich muss in meinem Job sehr stark auf Fairness achten, sprich, ich als neutrale, dritte Instanz schaue darauf, dass sich alle Parteien gleich und fair behandelt fühlen und wir uns alle auf Augenhöhe begegnen.


Was bedeutet Fairness für dich?

Die Suche nach Fairness im Leben hat mich vermutlich zu dem Job gebracht, den ich jetzt habe. Deswegen war ich damals wohl auch schon Klassensprecher, habe mich dazu entschieden, Pausenhelfer zu werden, habe mich als Streitschlichter engagiert und setze mich heute stark für die Aufklärungsarbeit ein. 

Fairness in der Arbeit und beim Sport bedeutet für mich, sich an die „Spielregeln“ zu halten und damit Anstand und Gerechtigkeit zu wahren. Im Freundeskreis heißt es für mich, Werte und Prinzipien schablonenhaft auf die tagtäglichen Entscheidungen anzuwenden und sich immer zu fragen: Tue ich das Richtige? Tue ich etwas, weil es richtig ist – oder nur, weil es möglich ist?

Was waren die Perspektiven, die dir deine Lehrerinnen und Lehrer während der Schulzeit aufgezeigt haben?

Es gab ehrlicherweise kaum eine Perspektive. Das hatte man mir klar kommuniziert. Mir wurde damals von meiner Lehrerin gesagt, dass ich mit einem Hauptschulabschluss nicht viele Möglichkeiten haben werde, schon gar nicht die Chance auf einen Bürojob. Das fand ich damals nicht nur unfair, sondern aus heutiger Perspektive auch sehr unprofessionell. Meine Mutter hat meine Schwester und mich alleine großgezogen. Sie hatte zwei Putzjobs und hat außerdem acht Stunden am Tag am Fließband gearbeitet, um uns ernähren zu können. Sich am Abend mit mir an den Tisch zu setzen und mir beim Lernen zu helfen, war zeitlich einfach nicht möglich – ich musste meinen Karriereweg selbst in die Hand nehmen. Ich habe meine Mutter damals gebeten, mich im Jugendzentrum anzumelden, weil es dort eine Nachmittagsbetreuung gab. Dort habe ich überhaupt zum ersten Mal ein Gefühl dafür bekommen, wie ich richtig für die Schule lernen kann. Mir wurde dort buchstäblich das Lernen beigebracht.


Mit welchen Vorurteilen hattest du als Kind türkischer Einwanderer in Oberbayern zu kämpfen? 

Es waren die üblichen Vorurteile, die ein Kind mit einer alleinerziehenden, türkischen Mutter aus einer einkommensschwachen Familie in Deutschland erleben musste. Mir hat niemand zugehört, ich wurde oft regelrecht ignoriert. Außerdem wurde ich wegen meiner Herkunft ausgegrenzt, diskriminiert – und eine Lehrerin hat mir, als ich 11 Jahre alt war, sogar einmal vor der ganzen Klasse eine Ohrfeige gegeben. Danach hat sie mich gebeten, mit ihr vor die Klassenzimmertür zu gehen, um mir einreden zu wollen, ich hätte mich selbst geschlagen. Schon damals wollte ich mir so etwas nicht gefallen lassen und habe es meiner Mutter erzählt. Sie hat sich mit der Schule in Verbindung gesetzt – dort wurde ihr aber eingeredet, den Fall nicht bei der Schulbehörde zu melden. Der Fall wurde schließlich nicht weiter verfolgt. 

Aber auch innerhalb der türkischen Community habe ich Ausgrenzung erfahren; ich wäre zu „Deutsch“, da ich in der Schulzeit ab und zu eine Leberkässemmel (Schweinefleisch, nicht halal) auf dem Pausenhof gegessen und weil ich Türkisch mit Akzent gesprochen habe. 


Welche Traditionen sind in deiner Familie besonders wichtig?

Meine Familie besteht eigentlich nur aus meiner Mutter, meiner Schwester und mir. Wir haben keine festen Traditionen. Es sind die alltäglichen Werte, die in meiner Familie wichtig sind. Hierzu zählt, anderen Menschen zu helfen, auch wenn man selbst nicht viel hat. 


Was nimmst du mit, wenn du Zeit bei deiner Familie in der Türkei verbringst?

Ich finde es spannend, meinen kulturellen Hintergrund zu entdecken, auch wenn ich mich selbst als Deutsch bezeichne. Außerdem sind sowohl mein Vater als auch meine Großeltern – bei denen ich zum Teil auch aufgewachsen bin – in der Türkei beerdigt, weshalb der Besuch für mich immer eine schöne Erinnerung an sie ist.


Heute ist der Internationale Tag gegen Homophobie, Transphobie und Biphobie. Warum braucht es so einen Tag? 

So ein Tag wie dieser ist enorm wichtig, solange Menschen nicht verstehen, dass es sich nicht um eine Phobie, also die Angst vor etwas, sondern um eine Form der Diskriminierung handelt. 

Ich spiele schon lange Fußball und bin in der Kreisliga aktiv. Wenn man hier am Spielfeldrand steht und hört, was während eines Spiels für Sprüche losgelassen werden – puh! Das zeigt mir immer wieder, dass noch sehr viel Arbeit vor uns liegt. Als Teenager inmitten dieser ganzen Erlebnissen parallel die eigene sexuelle Orientierung zu hinterfragen, war für mich wirklich nicht einfach. Es gab eine Zeit, da habe ich mich regelrecht krank gefühlt bei dem Gedanken: „Okay, ich bin schwul.“ 

Als ich mich geoutet habe, wusste meine Mutter nicht viel damit anzufangen, weil sie eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft nicht kannte. Nach einigen Erklärungsversuchen, meinte sie nur: „Emre, schon dein ganzes Leben lang wusstest du, das Gute vom Schlechten zu unterscheiden und immer den richtigen Weg einzuschlagen. Wenn diese Lebensform das Richtige für dich ist, dann unterstütze ich dich dabei.“ Das war wirklich einer meinen schönsten Momente im Leben und hat die Bindung zwischen meiner Mutter und mir gestärkt.


Du spielst in deiner Freizeit sehr gerne Fußball. Hast du damals schon zu deinen Mannschaftskameraden gesagt: „Übrigens, Jungs, ich bin schwul.“?

In meiner ersten Mannschaft definitiv nicht. Dort haben homophobe Sprüche zur Tagesordnung gehört, weshalb ich meine sexuelle Orientierung nicht ansprach. Mit 18 bin ich für meine Ausbildung nach München gezogen, hier habe ich mich deutlich befreiter gefühlt. 


Du spielst mittlerweile fürs Team München – einem queeren Sportverein. Wann hast du dich damals entschieden, den Verein zu wechseln?

Mit dem Umzug die Großstadt habe ich mir einen Verein gesucht, wo die sexuelle Orientierung kein Thema ist – ohne diffamierende Äußerungen und Beleidigungen, ganz ohne Angst vor Ausgrenzung. Einfach bei einem Club, wo ich der Emre sein konnte, der ich eben bin.

YouTube-Video ganz konkret: Homosexualität und Akzeptanz | Zeit für Politik
10:25

Das 11FREUNDE-Magazin hat im Februar 2021 die Aktion #ihrkönntaufunszählen gestartet, in der 800 Spielerinnen und Spieler homosexuellen Profis ihre Unterstützung zusichern. Das Problem mit Homophobie im Profi-Fußball ist in der Öffentlichkeit bekannt – wie sieht es im Amateurfußball aus, wie sind da deine Erfahrungen?

Homophobie ist leider auf dem Fußballplatz an der Tagesordnung. Im Amateurbereich zeigt sich das noch direkter als im Profisport. Hier wird sich mit einer Beleidigung auf dem Fußballfeld nicht zurückgenommen, es fallen Aussagen wie „Was für ein schwuler Pass!“ für misslungene Pässe zum Mitspieler. 

Ich finde solche Aktionen wie die von 11FREUNDE sehr wichtig und gut! Wir müssen mehr über Outing im Fußball reden. Es sollte zusätzlich mehr Aufklärung bei Trainern, Spielern, Schiedsrichtern und allen anderen im Fußball beteiligten geben. Ein Umdenken muss passieren. 

Fußball wird oft als Inbegriff des Männlichsein gesehen und zeichnet sich durch seine soziale Aufladung aus. Er wird häufig mit einem Ort des Wettbewerbs zwischen Männern assoziiert und zielt daher besonders auf heterosexuelle Männlichkeit ab. Innerhalb des Fußballs wird die traditionelle, hegemoniale Männlichkeit zu schützen versucht – diese Spannung führt meiner Meinung nach zur starken Ausprägung von Homophobie beim Fußball.


Letzte Frage: Leberkässemmel oder Sucuk mit Yumurta?

Sucuk mit Yumurta – definitiv! Leberkässemmel habe ich seit 15 Jahren nicht mehr gegessen.

Danke dir für das offene Gespräch, Emre!

Auf der Suche nach einem neuen Job? Dann schaut mal unter careers.google.com/jobs/ vorbei.