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Googler

„Verschiedene Kulturen müssen miteinander sprechen, um ihre Meinung übereinander zu ändern“



Myriam Anis jubelt, nachdem sie ihren Uni-Abschluss geschafft hat

Hi Myriam. Erzähl uns mal, was du bei Google machst!


Ich bin Software Engineer im sog. Manufacturer Center. Ich bin sozusagen eine Allround-Entwicklerin: Ich programmiere verschiedene Backend- und Frontend-Services mit dem Google Shopping-Team.


Was macht deinen Job so außergewöhnlich?


Definitiv die Zusammenarbeit mit wahnsinnig vielen Kolleg:innen, die alle verschiedene Backgrounds haben. Viele denken, dass Software-Entwickler:innen ganz alleine vor einem einem schwarzen Bildschirm sitzen und programmieren. Für mich sieht ein normaler Arbeitstag aber so aus, dass ich mit User-Experience-Entwickler:innen und Researcher:innen sowie mit Produkt-Manager:innen und Entwickler:innen aus anderen Teams zusammen arbeite. Und das macht die Arbeit so spannend und abwechslungsreich.


Du kommst ursprünglich aus Kairo/Ägypten. Wie sieht deine bisherige berufliche Laufbahn aus?

Ich habe an der Deutschen Universität in Kairo (GUC) meinen Bachelor in Ingenieurwissenschaften gemacht. Hier bin ich zum ersten Mal mit Informatik in Berührung gekommen. Das war tatsächlich eines der besten Dinge, die mir in meinem bisherigen Leben passiert sind – denn es hat sofort Klick gemacht. Ich habe dann zunächst ein Praktikum bei Google in Zürich und dann mein Masterstudium am Max-Planck-Institut für Informatik an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken gemacht. Meine Masterthesis habe ich bei IBM in Stuttgart geschrieben, bevor ich 2019 bei Google in München als Software-Entwicklerin angefangen habe.


Von Kairo nach Saarbrücken – wie war hier die Umstellung für dich?


Es war eine tolle Erfahrung. Meine Erwartungshaltung war: Wenn’s mir nicht gefällt, gehe ich einfach zurück nach Ägypten. Am Anfang war es schwer, so weit entfernt von Familie und Freunden zu sein, aber das wurde nach einer gewissen Zeit immer besser. Ich mag es mittlerweile sehr, in Deutschland zu leben und möchte hier auch definitiv noch eine Weile bleiben.


Hast du in deiner Zeit im Saarland einmal Dibbelabbes oder andere traditionelle saarländische Gerichte probiert?


(lacht) Glaubt mir, ich habe wirklich ein paar typisch deutsche Gerichte über die letzten Jahre probiert, aber mich hat davon leider nichts nachhaltig überzeugt – sorry. Ägyptisches Essen hat so viele verschiedene Geschmacksrichtungen und Gewürze, das mag ich einfach lieber.


Noch einmal zurück zu deinen Wurzeln. Diese Woche haben Ägypter:innen ja eine Woche frei. Welche Festivitäten finden denn aktuell statt?


Es ist das höchste islamische Fest in Ägypten (und im gesamten arabischen Raum): das Opferfest, auf Arabisch عيد الأضحى (Eid ul-Adha). Wirklich jeder in Ägypten genießt die Zeit – denn die Feiertage dauern dieses Jahr acht Tage lang. Normalerweise sind dann alle Strände im Land komplett gefüllt, die Restaurants haben bis 3 oder 4 Uhr morgens geöffnet – und die Menschen genießen es, bis spät in die Nacht am Nil entlang zu spazieren. Restaurants und Geschäfte sind in Ägypten zwar sonst auch immer lange geöffnet, aber an solchen Feiertagen sind die Menschen einfach noch aktiver. Sie kaufen sich neue Kleidung, neue Gewänder, die wir „Eid-Kleidung“ nennen. Auf den Straßen hörst du besondere Lieder, dazu kannst du schon die leckeren Eid-Gerichte riechen. Ägypter:innen LIEBEN Essen, während des Opferfestes ist Fleisch das Hauptgericht. Das ist etwas Besonderes, da sich nicht alle ägyptischen Familien über das ganze Jahr hinweg Fleisch als Nahrungsmittel leisten können. Beim Eid geht es also darum, etwas zurückzugeben und es weniger privilegierten Familien zu ermöglichen, während der Feiertage ein Festmahl zu haben.


Nun lebst du ja schon seit mehr als zwei Jahren in München. Gibt es eine große arabische Community im dortigen Google-Büro?


Ja (lacht)! Wir haben eine Chat-Gruppe, in der aktuell um die 50 Mitglieder sind – und es könnten mittlerweile wahrscheinlich noch mehr sein, da neue arabische Googler:innen während der Pandemie im Home Office in München angefangen haben und unsere Community vielleicht noch nicht kennen (falls ihr das lest: meldet euch gerne bei mir!).



Wir wissen natürlich, dass das ein sehr sensibles Thema ist: Bist du – seit du in Deutschland lebst – schon einmal mit anti-arabischem Rassismus konfrontiert worden?


Ich trage keinen Hijab – und mein Name klingt auch nicht so sehr Arabisch, weshalb viele erst einmal nicht denken, dass ich Araberin bin. Oft sehe ich dann erstaunte Gesichter, wenn ich ihnen erzähle, woher ich komme: „Aber du siehst gar nicht Arabisch aus“, „Warum trägst du keinen Hijab?“, „Darfst du in Ägypten Auto fahren?“, „Ich habe gehört,  dass dein Mann/Vater/Bruder dich einfach so schlagen darf, stimmt das?“ Solche Aussagen und Fragen zeigen oft, dass viele Menschen nicht wirklich viel über Araber:innen und speziell Ägypter:innen wissen. Ein Beispiel: Ägyptische Frauen wurden seit der Erfindung des Autos grundsätzlich niemals daran gehindert, sich ans  Steuer zu setzen ;-).

Ich persönlich finde solche Fragen (auch die, die alte Klischees abfragen oder erst einmal sehr komisch rüberkommen) prinzipiell gut, denn ich glaube, so können wir uns besser verstehen und voneinander lernen.


Wie gehst du mit den Fragen um?

Ich bin jemand, der erstmal von einer guten Intention ausgeht – und genau das hat mir in vielen Situationen weitergeholfen. Ein, wie ich finde, guter Weg: Verschiedene Kulturen müssen miteinander sprechen, um ihre Meinung übereinander zu ändern – und einander auch zuzuhören. Denn: Es ist wirklich schwer, jemanden zu hassen, wenn du erst einmal eine persönliche Verbindung zu der Person hast.


Danke dir für deine offenen Worte. Ein weiterer Weg, um mit verschiedensten Mensch in Kontakt zu sein, ist Sport. Du spielst gerne Badminton – was fasziniert dich daran?


Als ich noch in Ägypten gelebt habe, war ich ehrlich gesagt nicht sonderlich sportlich. Während ich damals meine Masterthesis bei IBM geschrieben habe, haben mich meine Kolleg:innen einmal mit zum Badminton genommen – und ich fand es sofort richtig toll. Zunächst war es super, weil ich so einen besseren Draht zu meinen Team hatte, aber dann hat das Spiel an sich mich richtig fasziniert. Meine Kolleg:innen waren sehr geduldig, denn am Anfang habe ich den Federball so gut wie nie getroffen. Über die Zeit bin ich immer besser geworden – das habe ich ihnen zu verdanken.


Wie sehr hat es dir Bayern mittlerweile angetan – sprich: Gehst du gerne wandern ;-)?

Die Landschaft ist so wunderschön hier, wirklich. So viel Grün und Blau habe ich vorher nie in meinem Leben gesehen, denn in Ägypten gibt es hauptsächlich Wüste, Meer und den Nil. Ich mag es sehr, dass es in Deutschland und speziell in Bayern so viele Wälder und Seen gibt.


Letzte Frage: Brezn mit Obazda oder Falafel mit Hummus?


Zunächst einmal: Falafel werden nicht aus Kichererbsen gemacht. Krass, oder? Falafel werden aus „Ful“ gemacht, einer speziellen Bohnenart. Ägypter:innen haben das Gericht vor Tausenden von Jahren erfunden – und deshalb muss ich hier auch meinen Landsleuten treu bleiben ;-).

Danke dir für das tolle Gespräch, Myriam.


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