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Neues Diversity Handbuch für Medien - Erfolgsfaktor für den Journalismus der Zukunft
Google News Initiative

Neues Diversity Handbuch für Medien - Erfolgsfaktor für den Journalismus der Zukunft

Aktuell haben lediglich sechs Prozent der Chefredakteur:innen bei deutschen Medien einen Migrationshintergrund. Vor diesem Hintergrund haben die Neuen Deutschen Medienmacher*innen den ersten deutschsprachigen Diversity-Guide vorgestellt. Dieser zeigt Wege auf, wie Medienhäuser in Zukunft mehr Vielfalt in den Redaktionen erreichen können. 

Die Google News Initiative hat den Diversity Guide wie auch vorhergehende Projekte der Neuen Deutschen Medienmacher*innen unterstützt und begleitet. Zur Vorstellung des neuen Handbuches stellen wir neun Fragen an Konstantina Vassiliou-Enz, Geschäftsführerin des Neuen Deutschen Medienmacher*innen e.V. und Herausgeberin des ersten deutschsprachigen Diversity Guide. 

Ein Foto von Isabelle Sonnenfeld, Leiterin News Lab Google DACH und Konstantina Vassiliou-Enz, Geschäftsführerin des Neuen Deutschen Medienmacher*innen e.V.

Isabelle Sonnenfeld, Leiterin News Lab Google DACH und Konstantina Vassiliou-Enz, Geschäftsführerin des Neuen Deutschen Medienmacher*innen e.V.

Liebe Frau Vassiliou-Enz, wie steht es um die Vielfalt im Journalismus in Deutschland?

Wir haben mit unserer Studie 2020 bereits festgestellt, dass deutsche Chefredakteur:innen so offen für Diversity im Journalismus sind wie nie zuvor. Die überwiegende Mehrheit der Entscheider:innen, die uns geantwortet haben, wünscht sich divers besetzte Redaktionen. Aber Wünsche allein helfen nicht. Schätzungen gehen davon aus, dass lediglich fünf bis zehn Prozent der Journalist:innen in deutschen Medien eine internationale Familiengeschichte haben. In manchen Redaktionen sind weiße Kolleg:innen noch ganz unter sich. Die meisten Chefredakteur:innen wissen gerade jedoch nicht genau, wie Diversity im Medienhaus überhaupt umgesetzt werden kann. 

Ein Screenshot des neuen Handbuchs

Was hindert Medienhäuser daran, in diverse Teams zu investieren, Berichterstattung inklusiver zu gestalten?

Es fehlt das Wissen und es fehlen Best Practices. Das erste Medienunternehmen, dass sich freiwillig verpflichtet hat zu Quoten vor und hinter der Kamera ist die UFA, also eine Produktionsfirma die hauptsächlich Filme und Serien macht. Dagegen fangen die meisten journalistischen Medien in Deutschland gerade erst an, sich mit Diversity zu befassen. 

Diversität ist Ihrer Meinung nach Chef:innensache. Wie sollte die Umsetzung eures Guides aussehen?

Oft kommt die Initiative für mehr Diversity in den Redaktionen von jungen Kolleg:innen, von Volontär:innen. Das ist gut. Aber für Diversität auf allen Ebenen braucht es auch Ansagen von ganz oben, müssen Entscheidungen für die Zukunft fallen, Budgets verteilt, Prioritäten gesetzt werden. Und als erstes müssen Chef:innen, die wirklich Veränderungen wollen, konkret herausfinden woran es in der Redaktion mangelt. Das betrifft die eigenen Inhalte, welche Themen bringen wir und welche kennen wir nicht mal? Aber auch Interviewpartner:innen, wer kommt vor und wer kommt nie zu Wort? Und natürlich geht es auch um die Besetzung der Redaktion: Wie homogen ist sie zusammengesetzt? Wie so etwas erhoben werden kann, haben wir im Guide aufgelistet, Schritt für Schritt. Bei der Komplexität des Themas muss es mindestens eine Person oder ein Team geben für Diversity-Maßnahmen und es braucht eine Evaluation, um zu sehen, ob die Maßnahmen wirken. Es ist wirklich viel möglich – unser Handbuch hätte auch doppelt so dick werden können. 

Ein Screenshot des neuen Handbuchs

Warum braucht Journalismus, brauchen Medien mehr Vielfalt, um zukunftsfähig zu sein?

Weil das Land, über das sie berichten und das Publikum, für das sie arbeiten, sich verändert hat. Gut vierzig Prozent der Jugendlichen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund und das ist nur der Durchschnitt. In deutschen Großstädten liegt ihr Anteil oft bei fünfzig bis sechzig Prozent. Medien, die sie nicht mitdenken und nicht als Publikum wahrnehmen, verabschieden sich gerade von ihrer Zukunft.

Warum ist die Datengrundlage beim Thema Vielfalt im Journalismus so gering?

In den Medienhäusern werden kaum Diversity-Daten erhoben. Der WDR zählt seit Jahren die neu eingestellten Mitarbeiter:innen mit Migrationshintergrund und Thomson Reuters als internationale Nachrichtenagentur wertet in Deutschland die Nationalitäten ihrer Mitarbeiter:innen aus. Das sind aber Ausnahmen. In deutschen Medienbetrieben wird oft argumentiert, dass es doch ein Ausdruck von Toleranz sei, wenn man gar nicht daran interessiert sei, welche Hautfarbe oder Herkunft die Mitarbeiter:innen haben. Das Ziel von solchen Erhebungen und Befragungen ist nicht, Menschen in Kategorien einzuordnen, sondern herauszufinden, ob alle den gleichen Zugang haben. Und wie soll es sonst funktionieren, den Diversitätsanteil im eigenen Haus zu erhöhen, wenn man gar nicht weiß, wie es darum aktuell steht? 

Ihr Guide “Wie deutsche Medien mehr Vielfalt schaffen” beinhaltet Best Practices, internationale Vergleiche und Handlungsanweisungen - was erhoffen Sie sich in diesem Jahr von dem Guide?

Ich hätte nicht gedacht, dass das Interesse schon vor Erscheinen des Guides so groß ist. Unser Handbuch ist nicht käuflich, aber wir stellen es Medienhäusern zur Verfügung, nachdem die Chefredaktion oder Intendanz uns eine Stunde Zeit einräumt, in der wir erklären, warum Diversität Chef:innensache ist. Das ist unser Preis. Und ich denke, der Plan wird aufgehen. Inzwischen erkennen zum Glück immer mehr deutsche Medienhäuser, wie wichtig das Thema ist, und wollen internationalen Standards entsprechen.  

Was ist Ihr wichtigstes Ziel mit Blick auf den Journalismus in 10 Jahren?

Als Neue deutsche Medienmacher*innen fordern wir freiwillige Quoten in den Medien, um Veränderungen zu schaffen, die messbar und transparent sind. Unser Vorschlag: eine 30 Prozent-Quote für Journalist:innen aus Einwandererfamilien, für schwarze Journalist:innen und Medienschaffende of Color bis 2030. Unter dieser Marke sind Veränderungen kaum möglich. Es ist erforscht, dass es eine „kritische Masse“ von mindestens dreißig Prozent braucht, um einen Kulturwandel möglich zu machen. Und bis 2030 ist die aktuelle Zahl von 26 Prozent Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland auch ziemlich sicher bei dreißig angelangt.

Wie sah die Zusammenarbeit mit der Google News Initiative aus?

Wir arbeiten im Medienbereich. Das heißt, wenn wir kooperieren und finanzielle Unterstützung für etwas erhalten, wollen wir unabhängig und ohne Einmischung arbeiten können. Und mit Google News Initiative läuft es genau so. Wir arbeiten vertrauensvoll zusammen. Und was uns besonders hilft, die Zusammenarbeit ist unkompliziert. 

Was haben Sie für das Jahr 2021 mit dem Diversity Guide geplant?

Wir wollen mit anderen Organisationen, die Frauen im Journalismus vertreten, aber auch LSBTIQ:-Personen oder Journalist:innen mit Behinderung das Handbuch komplett intersektional erweitern und überarbeiten. Wir haben jetzt schon etliche Gastbeiträge von Kolleg:innen von Leitmedien, dem LSVD, ProQuote Medien oder der MaLisa-Stiftung im Buch, weil Diversity viele Dimensionen von Diskriminierung umfasst und wir sie mitdenken müssen.

Wir wollen aber noch weiter gehen, weil es ein Handbuch für Medienbetriebe in dieser Form mit so vielen Anleitungen, Checklisten und der thematischen Breite bislang wohl nicht gibt – wir konnten zumindest keins finden. Deshalb wollen wir ein Extrakt davon übersetzen, um die englische Fassung mit internationalen Journalist:innen-Organisationen zu teilen, deren Medienlandschaften ebenso Nachhilfe in Diversity gebrauchen können. Einige Inhalte unseres Handbuchs lassen sich leicht übertragen, andere müssten sicher umfassend angepasst werden – das Ziel von mehr Diversität in den Medien bleibt ein gemeinsames. 

Vielen Dank für das Gespräch und die tolle Zusammenarbeit, Frau Vassiliou-Enz.