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„Schon als Kind haben meine Eltern mir aufgezeigt, wie wichtig es ist, anderen zu helfen“



Porträtfoto von Lavanya Nanthapalan-Muehlke

Lavanya, stell dich doch bitte kurz vor – was machst du bei Google und wie lange bist du schon dabei?

Hallo! Ich bin Lavanya und ich arbeite als Industry Managerin im Retail-Team in Hamburg – also im Vertriebszweig von Google. Mein Job ist es, Großkunden im Bereich Online-Marketing zu beraten und ihnen – abhängig von ihren Geschäftszielen – gezielte Empfehlungen zu geben.


Wie sieht dein bisheriger Karriereweg aus – bis zu deinem jetzigen Job bei Google?

Nach meinem Uni-Abschluss habe ich bei Google in Hamburg angefangen und habe als Media Consultant Startups sowie Kleinkunden beraten. Im Anschluss war ich in der Europazentrale von Google in Dublin und habe dort als Agency Consultant gearbeitet, also als Beraterin für Agenturen. Nach etwa drei Jahren habe ich Google verlassen, bin nach Düsseldorf gezogen und habe Erfahrungen bei anderen Unternehmen gesammelt. Ich hatte aber immer im Hinterkopf, wieder zu Google zurückzukehren, wenn ich mehr Erfahrung habe. Insgesamt habe ich dann über sieben Jahre Erfahrungen in anderen Unternehmen gesammelt: Ich habe bei Henkel als Brand Managerin gearbeitet und war dann als Head of Online Marketing bei Birkenstock für den Online-Shop sowie dessen Relaunch verantwortlich. Als Letztes habe ich dann als Digital Director bei L’Oréal gearbeitet – und bin Ende 2019 wieder zu Google zurückgekehrt. Das hat sich ganz ehrlich so angefühlt, als wenn ich wieder nach Hause gekommen wäre.


Deine Eltern stammen aus Sri Lanka, aufgewachsen bist du in Bünde/Nordrhein-Westfalen. Wie war deine Kindheit in Ostwestfalen?

Meine Eltern sind 1978 aus Sri Lanka nach Deutschland geflüchtet und sind in Bünde gelandet. Meine Kindheit war eigentlich relativ unbeschwert, als ich klein war, wusste ich aber auch noch nicht viel über die Fluchtgeschichte meiner Eltern. Erst nach und nach haben sie mich darüber aufgeklärt. In der Schule war ich übrigens das einzige Girl of Color, aber hatte dennoch glücklicherweise keine schlechten Erfahrungen mit Rassismus und wurde von allen Mitschüler:innen akzeptiert. Das erste Mal, als ich gemerkt habe, dass ich in der Schule kritisch beäugt wurde, war, als ich von meiner Grundschullehrerin keine Gymnasialempfehlung bekommen habe. Die Begründung: Meine Eltern würden nicht so gut Deutsch sprechen im Vergleich zu den Eltern meiner Mitschüler:innen. Ich war richtig frustriert, wütend und habe die Welt nicht mehr verstanden. Ich habe meine Mama gefragt, warum ich nicht aufs Gymnasium dürfe – sie hatte nämlich immer zu mir gesagt, dass ich, wenn ich eine fleißige und gute Schülerin bin, gute Dinge folgen würden. Daraufhin ist meine Mama zum Gymnasium gegangen, hat mit der Direktorin gesprochen – und diese hat zugestimmt, mich aufzunehmen, weil meine Noten gestimmt haben.


Gab es prägende Ereignisse in deiner Kindheit?

Ja, gab es. Einerseits die rassistischen Übergriffe auf vietnamesische Gastarbeiter:innen und Geflüchtete in Hoyerswerda (1991) und Rostock-Lichtenhagen (1992). Meine Eltern hatten damals wirklich Panik und deshalb ein Metallgitter an die Haustür angebracht, damit keine Molotowcocktails in unser Haus geworfen werden konnten. Das Gitter ist immer noch an der Tür und erinnert mich bis heute an die Zeit. 

Und andererseits ein Vorfall im Supermarkt, als ich noch klein war. Ich war mit meiner Mama einkaufen und sie bat mich, an einer Stelle stehen zu bleiben, weil sie noch etwas holen wollte. Als ich dort stand, kamen zwei Männer vorbei und fragten mich, warum ich denn so schwarz sei – ob mich meine Mama im Ofen vergessen hätte, denn ich sähe so verbrannt aus. Ich hatte damals wirklich ganz große Angst und kann diese Begegnung leider schwer vergessen.


Wie schrecklich! Danke, dass du das mit uns teilst. Was haben solche Ereignisse mit dir gemacht?

Ich habe versucht, irgendwie damit umzugehen, aber habe früher auch oft nicht meine Meinung gesagt, weil ich Angst hatte. Meine Eltern haben mir früher stets gesagt: Damit aus mir etwas in Deutschland wird, muss ich gute Noten haben und studieren. Sie wollten nämlich nicht, dass ich es so schwer habe wie sie. Beide hatten einen sehr guten Job in Sri Lanka, waren dort in einer Bank tätig. Und als sie dann in Deutschland waren, mussten sie sehr hart für ihr Geld arbeiten, weil sie die Sprache noch nicht konnten. Für sie war Bildung deshalb immens wichtig. Als Kind und Teenagerin wollte ich dazu gehören und habe meine Kultur nicht proaktiv mit anderen geteilt – ich wollte ja so sein wie die anderen. Dazu gehörte für mich dann auch, dass ich keinen Goldschmuck getragen habe – wie es in Sri Lanka üblich ist – sondern Silberschmuck. Ich wollte eben nicht auffallen. Erst als ich an der Uni war, wurde ich dahingehend offener und habe öfter meine Erfahrungen geteilt, wie es ist, in zwei Kulturen zu leben. Als ich später in Maastricht studiert habe, war es an der Uni super international, alle Studierenden kamen aus unterschiedlichsten Kulturen – das fand ich sehr spannend.


Heute ist der Welttag der humanitären Hilfe, der 2008 von der UNO ins Leben gerufen wurde. Für welche Projekte setzt du dich ein?

Schon als Kind haben meine Eltern mir aufgezeigt, wie wichtig es ist, anderen zu helfen. Sie selbst haben sich immer für elternlose und kranke Kinder in Sri Lanka eingesetzt. Meine Eltern und ich unterstützen Mädchen, die Unterstützung in ihrer Bildung benötigen, außerdem spenden wir regelmäßig an Organisationen in Sri Lanka und Indien. Und in Deutschland bin ich seit etwa einem Jahr aktiv bei der ehrenamtlichen Initiative Die Insel hilft. Ich bin hier Teil eines Tandem-Programms und helfe einer geflüchteten Person, in Hamburg zurecht zu kommen. Gemeinsam üben wir auch, Deutsch zu sprechen und ich unterstütze dabei, eine Wohnung zu finden. Durch meinen Einsatz dort wird mir nun erst richtig bewusst, wie schwer es meine Eltern damals hatten, als sie nach Deutschland gekommen sind. 


Auch bei Google gibt es seit 2007 jedes Jahr im Juni die Aktion GoogleServe. Hier hast du dich bereits eingesetzt. Warum sind solche Aktionen so wichtig?

Dieses Jahr habe ich ein virtuelles GoogleServe-Event für Die Insel hilft mit meiner Kollegin Jannette Flores organisiert, und zwar einen #IamRemarkable-Workshop. Generell finde ich GoogleServe besonders wichtig, weil man sich bewusst Zeit nehmen kann, um unserer Community etwas zurückzugeben. Bei Google hat jede:r Googler:in die Möglichkeit, sich ehrenamtlich einzusetzen.


Gleichzeitig hast du 2021 gemeinsam mit deinem Kollegen Thomas ein internes Netzwerk gestartet: #ActivateAntiRacism. Worum geht es hier genau?

Durch den gewaltsamen Tod von George Floyd im Mai 2020 und die immer lauter werdende Stimme der Black Lives Matter-Bewegung, hatte mich Thomas Steffen – der damals mein Manager war – gefragt, ob ich mich als Woman of Color aktuell sicher und wohl fühle. In unseren 1:1-Gesprächen haben wir angefangen, uns über das Thema Rassismus im Allgemeinen auszutauschen. Weil wir hier sehr vertraulich und in einem sehr sicheren Umfeld gesprochen haben, habe ich mich gegenüber Thomas geöffnet und ihm meine eigenen Erfahrungen mit Rassismus geteilt.

Wir haben uns in unseren Gesprächen versucht, uns gegenseitig etwas beizubringen und z. B. Bücher von Malcolm X und exit RACISM von Tupoka Ogette gelesen. Wir haben gemerkt, dass es nicht mehr ausreicht, einfach nur Nicht-Rassist:in zu sein, sondern dass es nötig ist, dass wir alle aktive Anti-Rassist:innen werden müssen. Dadurch kam die Idee zu unserer #ActivateAntiRacism-Initiative innerhalb Googles.


Wie sah hier die Unterstützung zu Beginn – vor allem von Führungskräften – aus?

Thomas und ich haben ein Konzept entwickelt, wie wir innerhalb von Google, aber auch außerhalb von Google eine Veränderung schaffen können. Unser Konzept haben wir dann unseren Kolleg:innen aus der Führungsebene präsentiert und unser Kollege Marc Nabinger, der das Agencies- und Partner-Team leitet, hat uns von Anfang an unterstützt. Und auch Zentraleuropa-Chef Philipp Justus gehört zu unseren Supportern. Mittlerweile engagieren sich 27 Googler:innen, die an dieser Initiative mitarbeiten und eine Bewegung starten wollen. Zudem arbeiten wir auch eng mit unserem globalen und dem EMEA-weiten DEI-Team (Diversity, Equity & Inclusion) zusammen, die uns ebenfalls unterstützen.


Was waren für dich bisher die größten Erfolgsmomente von #ActivateAntiRacism?

Wir haben erste Workshops gehalten, die wirklich sehr gut ankamen. Im Anschluss haben wir uns mit der Autorin und Aktivistin Tupoka Ogette zusammen getan, die im Rahmen der Google Zukunftswerkstatt mehrere Keynotes für externe Teilnehmer:innen zum Thema Anti-Rassismus gehalten hat, mit welchen wir bereits mehr als 250 Personen erreicht haben – außerdem gab es auch schon ein internes Panel zu dem Thema, an dem 140 Personen teilgenommen haben. Wir möchten mit #ActivateAntiRacism zu den Zusicherungen für die Gleichbehandlung aller Menschen bei Google beitragen. Es war ein guter Start, aber es ist eine Reise.


Was wünschst du dir, wie es mit dem Netzwerk weitergehen soll?

Nach dem besagten erfolgreichen Start, möchten wir nun alle Menschen motivieren, aktive:r Anti-Rassist:in zu werden. Wir möchten sowohl innerhalb von Google als auch außerhalb von Google eine Bewegung starten und mit unserer Message noch mehr Personen erreichen.


Wer sind deine großen Vorbilder im Kampf gegen Rassismus?

Dazu gehört definitiv Tupoka Ogette, die wirklich sehr viel tut, damit immer mehr Menschen zu Anti-Rassisten werden. Und Emilia Zenzile Roig, eine französische Politologin, Autorin und Aktivistin. Ihr Buch „Why We Matter. Das Ende der Unterdrückung“ hat mich wirklich tief bewegt.


Neben der Arbeit und deinem unermüdlichen Einsatz für Gleichberechtigung hast du auch zwei große Leidenschaften. Welche denn?

Ich gehe wirklich gerne laufen und bin dabei sehr gerne an der Alster unterwegs. Und ich habe noch eine zweite Leidenschaft: Als ich in Düsseldorf gelebt habe, habe ich mich mit einem älteren Ehepaar angefreundet – Thea und Herbert – und habe sie häufig sonntags besucht. Sie haben sich gefreut, dass ich vorbei gekommen bin und ihnen Gesellschaft geleistet habe. Thea war diejenige, die mir das Stricken beigebracht hat – und mittlerweile kann ich Socken und auch kleine Jacken stricken. Für dieses Jahr habe ich mir vorgenommen, Socken für obdachlose Menschen zu stricken.


Welche Aspekte am Laufen lassen sich deiner Meinung nach auch auf das alltägliche und berufliche Leben anwenden?

Vor vier Jahren hatte ich einen persönlichen Schicksalsschlag – damals habe ich mit dem Laufen angefangen. Erst waren es fünf Kilometer, dann waren es zehn und irgendwann bin ich 21 Kilometer gelaufen. Danach habe ich mir vorgenommen, einfach mal einen Marathon zu laufen. Ich habe zu mir selber gesagt, dass ich eine starke Frau bin – und es deshalb schaffen werde. Ich habe mich mental darauf vorbereitet und habe mir immer gesagt, dass ich nicht aufgeben werde. Durch das Laufen habe ich auch gelernt, positiv zu denken. Ich glaube, dass ich durch mein persönliches Schicksal und auch durch mein Hobby positiver und gestärkter in das alltägliche und berufliche Leben gehe.


Und nun schon zur letzten Frage: Lieber Wattalappam (Anm.: traditioneller Kokos-Karamell-Pudding aus Sri Lanka) oder Milchreis mit Zimt?

(lacht) Sehr gut recherchiert! Wenn meine Mama den Wattalappam macht, dann definitiv Wattalappam. Sie hat zu Hause allerdings immer darauf geachtet, unterschiedliche Gerichte zu kochen. Also sowohl deutsche Gerichte, aber auch traditionelle Gerichte aus Sri Lanka. 

Danke dir für das offene Gespräch, Lavanya!


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