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#16 #DeineWahl - Angela Merkel, Martin Schulz und die junge Generation

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Als Regisseur einer Live-Sendung sehe ich es als eine meiner zentralen Aufgaben, die Menschen vor der Kamera möglichst gut aussehen zu lassen. Ich muss dafür sorgen, dass das Ambiente für die Talents angenehm ist, dass Licht, Kamera, Ton, Szenenbild, Redaktion und Produktion auf das gemeinsame Ziel hinarbeiten, den einen Moment optimal einzufangen. Für 60 Minuten Interview können so schon mal zwei Monate Vorarbeit nötig sein.

Das Projekt #DeineWahl im Berliner YouTube Space, das ich im August 2017 gemeinsam mit Executive Producer Christian Meinberger (inzwischen bei der Produktionsfirma LEONINE) betreuen durfte, war eine Herausforderung auf mehreren Ebenen. Zum einen die organisatorische Komponente — um die deutsche Kanzlerin Angela Merkel in einem für sie eher ungewohnten Setting zu interviewen, waren für die Produktion zunächst logistische Aufgaben zu lösen: Wo konnte ein solches Live-Interview stattfinden? Welche Vorgaben müssen eingehalten, welche Sicherheitsstandards beachtet werden? Vor dem Interview führte man zum Beispiel Suchhunde durch das Set, zwei Stunden vor Beginn der Übertragung wurde das Studio versiegelt, und an jedem Eingang kontrollierte Polizei die Zutrittsberechtigung. Das waren — zumindest für mich — keine alltäglichen Produktionsbedingungen.

Die größere Herausforderung jedoch stellte sich mir in der inhaltlichen Ausarbeitung des Interviews. Als man Anfang 2017 auf mich zutrat, war die Vorgabe lediglich: „Wir wollen ein Interview mit der deutschen Bundeskanzlerin machen. Die Fragen sollen von jungen YouTubern kommen.“ Vorbild war das in den USA 2016 gefilmte Obama-Interview mit drei amerikanischen YouTubern. Für mich stellte sich sofort die Frage, wie ich mit einem solchen Event den jungen, teilweise sehr unerfahrenen Interviewern gerecht werden konnte und zugleich neben den etablierten Formaten im TV würde bestehen können. Ein solches Interview — noch dazu live — für eine junge Zielgruppe zu gestalten, und zugleich zu vermeiden, im Nachhinein von den traditionellen Medien ins Kreuzfeuer genommen zu werden, war von Anfang an ein heikles Unterfangen.

Den Anfang machte das perfekte Team

Ich entschied mich für vier Interviewer, allein schon damit das Geschlechterverhältnis ausgeglichen wäre. Außerdem ließ ich sie nacheinander mit der Kanzlerin sprechen und reduzierte damit die individuelle Fragezeit auf 15 Minuten — wie sich später herausstellte, genau die richtige Entscheidung. Zudem hoffte ich, in einer gemeinsamen Vorbereitungszeit eine Art von Team-Building zu erreichen, es sollte ein Gemeinschaftsgefühl entstehen. Ebenso wichtig wie die inhaltliche Vorbereitung war es, dass sich die YouTuber in unserem redaktionellen 'Boot-Camp' kennenlernen und so untereinander und zur Redaktion Vertrauen aufbauen konnten. Immerhin ging es hier nicht um ein einfaches Frage-Antwort-Spiel, sondern um eine im Umgang mit der Öffentlichkeit routinierte Kanzlerin und im Anschluss um einen ebenso erfahrenen Kanzlerkandidaten. Beides Interviewgäste, die auch dem konsequenten Nachhaken von ausgebildeten Journalisten mit Gelassenheit begegneten.

Die Auswahl der Talents war dementsprechend ebenso wichtig wie heikel. Ich musste schnell feststellen, dass sich nicht alle der sonst so selbstsicheren YouTuber der Aufgabe gewachsen fühlten. Im ersten Moment klingt ein solches Projekt verlockend, aber schnell stellten sich bei mehreren Talents Zweifel ein: „Was, wenn ich mich lächerlich mache? Weiß ich wirklich so viel über Politik, dass ich zum Sprachrohr einer jungen Generation werden kann?“ Mit der Aufstellung, die wir letztendlich mit Hilfe von YouTube zustande brachten, bin ich wirklich zufrieden gewesen: MrWissen2GoIschtar IsikAlexi Bexi und Lisa Sophie Laurent stellten eine große Bandbreite dar und boten Möglichkeit zur Identifikation für sehr verschiedene Gruppierungen. Denn es ging auch um das Zusammenführen unterschiedlicher Communities und Interessen, um die verbindende Wirkung eines solchen Projekts. Bei dem zweiten Interview kamen außerdem Marcel Scorpio und Nihan hinzu.

Inhaltlich wollte ich das Projekt von bekannten Formaten wie dem Kanzlerduell oder Talkshows im Fernsehen abgrenzen. Ich sah eine Chance darin, die YouTuber auch Fragen stellen zu lassen, die sich bekannte Polit-Talks verkneifen. Von den 15 vorbereiteten Fragen erarbeiteten die Talents neben den ernsten politischen Themen jeweils auch eine persönliche Frage (z.B. an Martin Schulz: Was war der größte Mist, den Sie als Jugendlicher gebaut haben?) und eine Spaßfrage (z.B. an Angela Merkel: Was ist Ihr Lieblings-Emoji?). So trivial wie diese Fragen erscheinen mögen, sie sorgten dafür, dass die Politiker für einen kurzen Moment ihre Maske fallen ließen und ein aufmerksamer Beobachter gerade durch diese Reaktion viel über die Person erfahren konnte. In der Berichterstattung waren diese Fragen und ihre Antworten trotz vereinzelter Kritik die mit Abstand meistzitierten.

Außerhalb der YouTuber-Communities blieb bei der Zuschauerschaft der Argwohn groß. Bezeichnend dafür muss das Interview mit einem FDP-Wähler sein, den ich für die PreShow des Martin-Schulz-Interviews auf dem Alexanderplatz befragt habe. Er war felsenfest davon überzeugt, dass „Frau Merkel versucht hat, das Format vorher zu beeinflussen und wesentliche Parameter vorzugeben.“ Dieser Vorwurf begegnete uns immer wieder; oft wurde er mit einer erstaunlichen Überzeugung einfach behauptet. Tatsache ist jedoch, dass ich zusammen mit der Redaktion und der Produktion schon zu Beginn, bei den ersten Gesprächen im Kanzleramt zur Machbarkeit eines solchen Projektes, peinlich genau darauf geachtet habe, dass eine solche Einmischung nicht stattfindet. Sowohl bei Merkel als auch bei Schulz kamen die Fragen zu 100% von den Talents und wurden im Vorfeld nicht von den Politikern abgenommen.

„Das war mein erstes Interview“

Insgesamt konnten wir mit den beiden Interviews einen enormen Widerhall in der Presse erzeugen — nie wurde mehr über ein einzelnes YouTube Event berichtet: über 1.200 Erwähnungen und Beiträge, 130 davon im TV. Die Tagesschau sendete ein dreiminütiges Segment über das Interview. Auf YouTube generierten alle damit zusammenhängenden Videos über sieben Millionen Klicks, während des Live-Streams registrierten wir über 58.000 concurrent viewers. Dies bezeugt auf eindrucksvolle Weise das wachsende politische Interesse einer jungen Generation, und dass Politik und YouTube gut zusammenpassen.

Bin ich also meiner Verpflichtung als Regisseur nachgekommen, die Talents in möglichst gutem Licht dastehen zu lassen? In großen Teilen: ja. Es war richtig, den YouTubern ausreichende Vorbereitungszeit einzuräumen, ein zusätzliches Interviewtraining durchzuführen, ein ruhiges, konzentriertes Ambiente während der Interviews zu erzeugen und mit den Talents eine Mischung aus ernsten und unterhaltsamen Fragen zu erarbeiten. Doch man kann eben nicht alles abfangen: Bei dem Merkel-Interview von Ischtar Isik, die sich als Beauty-Vloggerin mit einem bewundernswerten Mut der Herausforderung gestellt hat, gibt Ischtar am Ende zu: „Das war übrigens mein erstes Interview.“ Merkel antwortet darauf: „Ihr allererstes Interview im Leben? Sonst machen sie immer nur Selbstdarstellung?“

Merkel entweicht dieser Satz ausgerechnet kurz nach einer ausführlichen Beantwortung der Frage, wie sie denn mit dem ihr entgegengebrachten Hass umgeht. Ihr nachgeschobenes Lob ("Sie haben das doch hervorragend gemeistert. Sie haben Talent!“)  suggeriert, dass sich Merkel der Schlagkraft des Satzes nicht bewusst war, zumindest nicht, als sie ihn aussprach. Es ist einer dieser Momente, in dem durchscheint, dass sich bei diesem Format auch die Politiker außerhalb ihrer Komfortzone befanden. Und das an sich ist ein weiterer Erfolg, wie ich finde.



Ein Foto zeigt Stephanie Renner im Gespräch mit einem Mann


Kommentar von Stephanie Renner, bis 2021 Leiterin des Berliner YouTube Space und mittlerweile Strategic Partner Manager YouTube, Government and Political Partnerships:

Die Menschen mit den richtigen Informationen zu versorgen, ist bei YouTube eine unserer großen Aufgaben. Für mich ist es daneben besonders wichtig, junge Menschen zu erreichen. Ich war daher wirklich begeistert, als Studio71 im Frühjahr 2017 mit der Idee für #DeineWahl an unser Team im YouTube-Space herangetreten ist. Regisseur Manuel Schmitt und sein Team hatten an der Produktion und redaktionellen Umsetzung der beiden Interviews ohne Frage den größten Anteil. Manuel kam dabei eine wichtige Rolle zu: das Format so in Szene zu setzen, dass der Wahlkampf und die Wahlkämpfer:innen auch für jüngere Menschen erlebbar wurden, dass wichtige Informationen vermittelt, Debatten angestoßen und am Ende viele junge Menschen dazu animiert wurden, auch wählen zu gehen. Allein das Interview mit Angela Merkel wurde auf dem Kanal von #DeineWahl bis heute über 2 Millionen Mal angesehen. Nachdem auch die YouTube-Creator die Inhalte teilten, erreichten die Videos von #DeineWahl in kurzer Zeit über 7 Millionen Abrufe. Der Hashtag #DeineWahl war für mehrere Stunden auf Platz 1 der Twitter-Trends in Deutschland und sogar weltweit auf Platz 4. Ein toller Erfolg für Manuel, Studio71, die YouTuber und das gesamte Team! Für mich persönlich war es damals eine besondere Ehre, Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Kanzlerkandidaten der SPD Martin Schulz im Berliner YouTube-Space begrüßen zu dürfen. Mittlerweile gilt es übrigens fast als Standard, dass News-Partner wie ARD, ZDF oder RTL Interviews mit Anwärterinnen und Anwärtern für das Kanzleramt auf YouTube streamen. #DeineWahl in der Umsetzung von Manuel Schmitt und Studio71 war sicher ein wegweisendes Format auf diesem Weg. Vielen Dank, Manuel, für Deine Arbeit und diesen schönen Artikel!